Ein alltägliches Warten, das zur lähmenden Angst wird
Auf eine Nachricht zu warten oder einen verpassten Anruf zu entdecken – das erzeugt bei den meisten Menschen ein gewisses Unbehagen. Bei Menschen mit ADHS jedoch verwandelt sich diese alltägliche Unannehmlichkeit nicht selten in eine vollständig lähmende Angst.
Fachleute bezeichnen diesen Zustand als Beeinträchtigung der sogenannten emotionalen Dauerhaftigkeit. Obwohl es sich dabei um kein offizielles Diagnosekriterium handelt, erkennen sich überraschend viele Menschen mit dieser Neurodivergenz in dieser Beschreibung sofort wieder.
Wenn ein Partner, ein Kollege oder ein Freund für eine Weile schweigt, bedeutet das rationell betrachtet natürlich kein Ende der Beziehung. Und trotzdem kann dieses einfache Schweigen im Kopf eines Menschen mit ADHS sofort vernichtende Zweifel und ein tiefes Bedrohungsgefühl auslösen.
Was emotionale Dauerhaftigkeit ist – und warum sie so schwer aufrechtzuerhalten ist
Dieses psychologische Phänomen zeigt sich als die Unfähigkeit, das Gefühl geliebt, sicher und wertgeschätzt zu sein innerlich aufrechtzuerhalten, sobald die geliebte Person nicht physisch anwesend ist oder aktiv kommuniziert.
Erfahrene Therapeutinnen und Therapeuten betonen, dass der Begriff emotionale Dauerhaftigkeit in medizinischen Handbüchern nicht vorkommt, in der täglichen Praxis jedoch von sehr vielen Patientinnen und Patienten thematisiert wird. Es geht nicht darum, dass diese Menschen das Vorhandensein ihrer Liebsten vergessen. Vielmehr verlieren sie vorübergehend den relationalen und emotionalen Anker, den sie so dringend benötigen.
Aus psychologischer Sicht ist das ADHS-Gehirn außerordentlich stark auf den gegenwärtigen Moment und das aktuelle Geschehen fokussiert. Sobald der kontinuierliche Strom positiver Reize abbricht, beginnt das Sicherheitsgefühl sehr rasch zu verblassen.
Kaum wahrnehmbare Details lösen eine Lawine aus Angst aus
Das rationale Denken sagt der Person mit Aufmerksamkeitsdefizit, dass ihr Gegenüber schlicht zu viel zu tun hat oder noch keine Zeit zum Antworten gefunden hat. Die aufgewühlten Emotionen in genau diesem Moment schreien jedoch etwas völlig anderes.
Fachleute schildern Situationen, in denen bereits vierundzwanzig Stunden ohne eine einzige Nachricht bei Betroffenen eine massive Panik auslösen. Sie beginnen sofort, sich selbst die Schuld zu geben, ihre vermeintlichen Fehler zu analysieren und sich damit zu quälen, dass die Beziehung unwiderruflich zerbricht.
Diese brennende Ungewissheit führt unweigerlich zu starken Angstzuständen, einem ständigen Bedarf an Bestätigung und häufig auch zu unnötigen Konflikten mit nahestehenden Menschen. Dieses Muster beschränkt sich dabei keineswegs nur auf romantische Beziehungen.
Eine verspätete Antwort eines Freundes wird vom Gehirn als kalte Zurückweisung verarbeitet. Das Ausbleiben von Rückmeldungen seitens der Vorgesetzten wird unmittelbar als vernichtende Kritik wahrgenommen – selbst wenn tatsächlich nichts Negatives geschehen ist.
Das bedeutet keineswegs, dass diese Menschen ihren Liebsten gegenüber gleichgültig wären oder deren Zuneigung logisch nicht nachvollziehen könnten. Das eigentliche Hindernis liegt ausschließlich in der Unfähigkeit, diese Stabilität zu fühlen, wenn der Kontakt vorübergehend abreißt.
Wirksame Strategien für mehr innere Stabilität
Der erste entscheidende Schritt zur Verbesserung besteht darin, dieses destruktive Verhaltensmuster zu erkennen und aufzuhören, sich dafür selbst zu bestrafen.
Ein hervorragendes therapeutisches Hilfsmittel ist die Erstellung einer persönlichen Beweismappe. Das ist ein sicherer Ort, an dem schöne Nachrichten, liebevolle E-Mails, Sprachnachrichten oder handgeschriebene Zettel von nahestehenden Menschen gesammelt werden. Dieses konkrete Material dient dann als Notbremse in den dunkelsten Momenten.
Für alle, die tiefergehende Lösungen suchen, empfehlen Expertinnen und Experten besonders häufig folgende bewährte Ansätze, die dabei helfen, den impulsiven Drang zu zügeln, das Schweigen anderer als Angriff zu deuten:
- Kognitive Verhaltenstherapie (KVT)
- Dialektisch-behaviorale Therapie (DBT)
- Spezialisiertes ADHS-Coaching
Menschen mit ADHS müssen sich positive soziale Interaktionen oft genauso aktiv in Erinnerung rufen, wie sie digitale Erinnerungen für alltägliche Aufgaben einrichten. Wer seine Symptome jahrelang verborgen hat, neigt zudem häufig dazu, dem erhaltenen positiven Feedback zu misstrauen und dessen Aufrichtigkeit in Zweifel zu ziehen.
Die entscheidende Rolle des sozialen Umfelds
Das direkte Umfeld kann eine enorm wichtige Rolle spielen. Partner, Familienmitglieder und Freunde sollten versuchen, einen verlässlichen Rahmen zu schaffen – geprägt von kleinen, aber regelmäßigen Zeichen des Interesses und der Zugewandtheit.
Dabei reicht wirklich sehr wenig aus – zum Beispiel eine kurze Nachricht wie: „Ich habe gerade wahnsinnig viel zu tun, aber ich melde mich, sobald ich kann.“ Eine so simple Geste kann ein enormes Gefühl der Erleichterung und Ruhe zurückbringen.
Es lohnt sich abschließend zu betonen, dass Schwierigkeiten mit der emotionalen Dauerhaftigkeit kein ausschließliches ADHS-Problem darstellen. Völlig identische Gefühle werden häufig auch von Menschen erlebt, die unter chronischer Angst, Depressionen, einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) oder Bindungsstörungen leiden.
Wenn diese anhaltende Unsicherheit Sie langfristig lähmt und Ihre Beziehungen oder Ihren Alltag spürbar beeinträchtigt, ist es an der Zeit, eine zertifizierte Fachkraft für psychische Gesundheit aufzusuchen – jemanden, der eine Unterstützung anbieten kann, die genau auf Ihre persönlichen Bedürfnisse zugeschnitten ist.
